Die Familie De La Salle

 
Jean-Baptiste de La Salle wurde am 30. April 1651 in Reims in der Champagne, Frankreich, geboren. Seine Eltern waren Louis de La Salle (1625-1672), Richter am Präsidialgericht in Reims, und Nicole Moët de La Salle (1633-1671), Tochter des Feudalherrn Jean Moët de Brouillet (1599-1670). Sie hatten am 25. August 1650 in der Pfarrkirche der Braut Saint-Hilaire geheiratet; er war fünfundzwanzig Jahre alt, sie siebzehn. In zwanzigjähriger Ehe hatten sie elf Kinder; vier starben schon früh. Mit Johannes Baptist, dem ältesten, überlebten zwei Mädchen, Marie und Rose-Marie, und vier Jungen: Jacques-Joseph, Jean-Louis, Pierre und Jean-Remy. Jean-Baptiste wurde am Tag seiner Geburt in der Kirche Saint Hilaire getauft. Im Taufregister finden wir am 30. April 1651 folgenden Eintrag: „Am heutigen Tag, Jean-Baptiste, Sohn von Monsieur Louis de La Salle, königlicher Rat am Appellationsgerichtshof, und Nicole Moët. Taufpaten: Jean Moët, Herr von Brouillet, Rat am genannten Gerichtshof, und Perette Lespagnol, seine Frau.“
 

Es gibt Studien, die darauf schließen lassen, dass Jean-Baptiste im Hotel de La Cloche oder de La Croix d’Or in der Rue de La Chanvrerie geboren wurde. In der einen Hälfte des Hauses lebten die Eltern dort zusammen mit der Großmutter väterlicher Seite, Barbe Cocquebert. Heute wird das Haus Hôtel de La Salle bezeichnet. Die andere Hälfte wurde von Simon de La Salle und seiner Familie bewohnt; er war der ältere Bruder von Vater Louis de La Salle. Das Haus gehörte zur Pfarre Saint Pierre le Vieil. Jean-Baptiste wurde aber in der Kirche Saint Hilaire getauft.

In Übereinstimmung mit den damaligen Gebräuchen wurden die Kinder in der Pfarrkirche der Taufpaten getauft. In späteren Jahren wurde Jean-Baptiste selbst Taufpate bei zwei seiner Brüder, bei Jean-Louis (1664) und Pierre (1666). Seine Unterschrift erscheint auch auf einem Begräbnisdokument für seinen jüngeren Bruder Simon (1667).

Der Vater von Jean-Baptiste stammte sowohl von der Vaterseite (Lancelot) als auch von der Mutterseite (Barbe Cocquebert) von einer reichen Kaufmannsfamilie ab. Im Jahr 1647 hatten ihm seine Eltern die einflussreiche Stellung eines Rates am Appellationsgericht in Reims ermöglicht. Louis de La Salle war ein hoch respektierter Mann, ein Humanist und Liebhaber von Musik und Kunst. Er war sehr besorgt um die Erziehung seiner Kinder. Als gläubiger Mensch und Gatte war er ein außergewöhnlicher Christ. Zunächst hoffte er, dass sein ältester Sohn ihm in seinem Beruf als Richter folgen werde; er respektierte jedoch voll dessen Freiheit, als sich dieser für das Priestertum entschied. Der Vater wollte für seinen Sohn die bestmögliche Ausbildungsstätte finden und so schickte er ihn in das Seminar von St. Sulpice in Paris.
Biograph Blain beschreibt die Mutter als eine eher wegen ihrer Frömmigkeit als wegen ihrer adeligen Abstammung bemerkenswerte Frau und schreibt ihr einen tiefen Sinn für die Gegenwart Gottes zu; später sollte das Bedeutung in der Spiritualität ihres ältesten Sohnes bekommen. Sie war der Abstammung nach aus der adeligen Familie de Brouillet väterlicherseits, Jean Moët war Herr von Brouillet und anderen Orten; aber sie verlor ihren Anspruch, als sie einen Bürgerlichen heiratete. Von der Mutterseite her (Perette Lespagnol) entstammte sie einer Mittelklasse-Familie. Jean-Baptiste konnte also nicht den Adelstitel beanspruchen, weder von der Seite seiner Mutter noch durch die Vorfahren seines Vaters, auch nicht durch die Tätigkeit seines Vaters oder durch Zugehörigkeit zu einem alten Adelsgeschlecht oder durch anderen Anspruch auf einen Adelstitel. Der Name „de La Salle“ zeigte die einstige Zugehörigkeit zum Adelsstand an und wurde nicht geändert, als die Zugehörigkeit zum Adel verloren ging.
Über den religiösen Einfluss der Eltern auf Jean-Baptiste schreibt der Biograph Blain: „Sein Vater war tief religiös und freute sich über die natürliche Güte und die freundliche Anlage seines Sohnes. Er betete mit seinem Sohn das Brevier; dadurch wollte er seine religiösen Pflichten erfüllen und zugleich seinem Sohn Freude bereiten. Die Religiosität der Mutter war eher zärtlich. Sie hörte nicht auf, den Samen des Glaubens in seine jugendliche Seele zu legen und sie sah eine Saat aufblühen, die alle ihre Erwartungen übertraf.“ Die Informationen, die uns die Biographen über die Religiosität in der de La Salle-Moët Familie geben, weisen darauf hin, dass sie zu den Familien gehörten, bei denen die religiöse Erneuerung im Frankreich des 17. Jahrhunderts in der Folge des Konzils von Trient Früchte getragen hatte. Das zeigt auch die Anzahl der Priester- und Ordensberufe unter de La Salles Verwandtschaft und das Engagement von anderen Familienmitgliedern bei Werken der Nächstenliebe oder bei Pfarraktivitäten.
Die Mutter von Jean-Baptiste starb am neunzehnten Juli 1671 im Alter von 38 Jahren, der Vater starb weniger als ein Jahr später am 9. April 1672 im Alter von 47 Jahren. Beide Eltern starben ziemlich rasch. Der Letzte Wille und das Testament von Louis de La Salle, geschrieben und unterzeichnet am Tage vor seinem Tod, existiert heute noch; darin wird Jean-Baptiste als Testamentsvollstrecker und Vormund für seine jüngeren Geschwister genannt, seine Onkel Simon de La Salle, Antoine Frémyn und Nicolas Moët werden darin als seine Unterstützer genannt.          
Die Großeltern mütterlicherseits, Jean Moët und Perette Lespagnol, hatten einen viel größeren Einfluss auf den jungen Johannes von La Salle; sie waren seine Taufpaten. Die Taufe fand in der Kirche Saint Hilaire statt, in der Pfarrei, wo das Stadthaus der Moëts lag. Aus diesem Grunde wäre es auch möglich, dass Jean Baptiste im Hause der Moets geboren wurde. Es war damals nämlich nicht ungewöhnlich, dass sich eine junge Frau zur Geburt ihres ersten Kindes in das Haus ihrer Mutter begab. Außerdem teilten sich drei Familien die Räumlichkeiten in La Cloche, als Nicole vor der Geburt ihres ersten Kindes stand. Wäre der Junge in La Cloche zur Welt gekommen, so hätte man ihn eher in der alten Kirche Saint-Pierre getauft, weil das Haus der De La Salles in dieser Pfarrei lag. In welchem Haus er auch immer geboren wurde, so ist doch sicher, dass Johannes seine ersten dreizehn Lebensjahre im Haus La Cloche verbrachte. Er war umhegt von der liebevollen Sorge seiner Eltern und wurde von seinen Großeltern mütterlicherseits häufig besucht. Jean Moët hatte eine große Zuneigung zu seinem Enkel und zeigte ihm zweifellos von Zeit zu Zeit die Weingärten des Brouillet Besitzes; auf den weiten Feldern seines Anwesens ließ er ihn nach Herzenslust herumtollen. Als Feudalherr des Ortes hatte Jean Moët eine eigene Bank in der Kapelle auf seinem Anwesen; dort bot sich Gelegenheit, den Leuten am Sonntagmorgen den kleinen Johannes vorzustellen. Herr Moët betete gern das kirchliche Offizium, und er soll auch Jean-Baptiste die komplizierten Rubriken des Breviers erklärt haben. Perette Lespagnol, die Großmutter, war bis zu ihrem Tod 1691 gleicherweise auf Führung und Unterstützung von Jean-Baptiste bedacht. 
Als achtbare Bürger des gehobenen Mittelstandes war die Familie de La Salle aktiv am sozialen Leben in Reims beteiligt. Der Alltag wurde von den Regeln des korrekten und konservativen Verhaltens bestimmt. Musik und Geisteswissenschaften wurden geachtet und gepflegt. Im Hause de La Salle befand sich eine gut ausgestattete Bibliothek, die eifrig benutzt wurde; manchmal wurde nach dem Abendessen aus den Büchern laut vorgelesen. Aus den Problemen, mit denen Jean-Baptiste de La Salle später zu tun hatte, können wir schließen, dass die Ernährung von guter Qualität war und dass man sich nach der neuesten Mode kleidete. Es gab Diener, vorwiegend nebenberufliche, die den Kindern die unangenehmen Arbeiten abnehmen mussten. Als Kind schien sich Johannes bei den häufigen kulturellen Abendgesellschaften im Hause de La Salle gelangweilt zu haben. Er soll einmal bei einer solchen Gelegenheit zu seiner Großmutter gegangen sein, damit sie ihm Heiligengeschichten als Abwechslung erzähle. Musikalische Darbietungen lagen dem Jungen überhaupt nicht, obwohl sie für seinen Vater die Lieblingsunterhaltung waren, die er seinen Gästen darbot.
Zweifellos übten religiöse Themen von frühester Jugend an eine besondere Anziehung auf den jungen Johannes aus. Die ersten Biographen sprechen von der Freude, die ihm die Anwesenheit beim Gottesdienst in der Kirche bereitete, von seiner Faszination an den Zeremonien und deren Nachahmung im Spiel und von den eindringlichen Fragen, die er nach dem Sinn all des Erlebten oder über die Religion überhaupt stellte. Man kann dies nicht alles samt und sonders als oberflächliche Religiosität abtun.
Umgeben von Liebe und ausgestattet mit einem Vertrauen schenkenden Geist, entwickelte der junge de La Salle ein natürliches Feingefühl für die Nöte der andern. Dies kam in seinem späteren Leben zum Vorschein, sodass die Biographen von „der natürlichen Güte seines aufrichtigen Herzens“ sprechen. Die erste schulische Ausbildung der La Salle Kinder begann zu Hause und wurde von privaten Hauslehrern erteilt. Johannes von La Salle hat wohl das Lesen und Schreiben aus lateinischen Texten erlernt, wie es so üblich war. Er war zehn Jahre alt, als er am 10. Oktober 1661 nach vierjährigem Privatunterricht in die sechste Klasse des „Collège des Bons-Enfants“ in Reims aufgenommen wurde. Referenzen und detailliertere Informationen in der Originalfassung (erhältlich über das Provinzialat).

Br. Erhard Tietze FSC

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